Lindau 2021 Gartenschau · Insel · See
Obstbau am Bodensee

Schlachters Sigmarszell: Ausflug zur Versuchsstation für Obstbau 2021

Auf einer Anhöhe bei Schlachters, dem größten Ortsteil von Sigmarszell, wird seit 1910 über Apfel und Birne gelehrt und geforscht. Heute betreibt die Hochschule Weihenstephan-Triesdorf dort ihre Versuchsstation für Obstbau. Zur Gartenschau 2021 öffnete sie ihr Gelände mit Lehrpfad, Sortengarten und einem neuen Holzbau für Besucher aus der ganzen Region.

Luftbild von Schlachters in der Gemeinde Sigmarszell mit Wiesen und Obstgärten
Ausflugab Lindau (Bodensee)
Region Westallgäu · Bodensee
Schlachters aus der Luft, 2012 · Foto: Raumplanung/Land Vorarlberg, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Schlachters Sigmarszell: ein Ortsname, der täuscht

Wer Schlachters Sigmarszell zum ersten Mal auf einem Wegweiser liest, denkt eher an einen Metzger als an Obstwiesen. Der Name hat aber mit dem Schlachten nichts zu tun. Die erste Erwähnung stammt aus dem Jahr 1466, als eine Lindauer Bürgerfamilie namens Schlachter in der Gegend Land besaß. Aus dem Besitz wurde ein Ortsname, und aus dem Ort mit der Zeit der größte der rund 30 Gemeindeteile von Sigmarszell. Schlachters liegt auf etwa 510 Metern Höhe, einen guten Kilometer westlich des Hauptorts und wenige Kilometer vom Bodensee entfernt.

Seit mehr als hundert Jahren ist der Ort mit einer einzigen Einrichtung verbunden: der Obstbauschule auf der Anhöhe über dem Dorf. Wer in der Region von „Schlachters“ spricht, meint oft genau sie.

Von der Königlichen Obst- und Weinbauschule zur Versuchsstation

Die Geschichte beginnt nicht in Schlachters, sondern am See. 1903 entstand in Schönau am Bodensee eine Schule für Obst- und Weinbau. 1909 zog sie auf die Anhöhe bei Schlachters um, und am 14. Februar 1910 wurde sie dort als Königlich Bayerische Obst- und Weinbauschule eröffnet. Der Weinbau am bayerischen Bodenseeufer ging in den folgenden Jahren zurück; 1919 bekam die Einrichtung deshalb den Namen Obstbauschule Schlachters, unter dem sie in der Region bis heute bekannt ist.

Über Jahrzehnte bildete die Schule Gärtnerinnen und Gärtner im Obst- und Weinbau aus. Später wurde sie Teil der Forschungsanstalt für Gartenbau Weihenstephan und damit der heutigen Hochschule Weihenstephan-Triesdorf (HSWT). 2008 schlossen das bayerische Wissenschaftsministerium, der Landkreis Lindau und der Förderverein der Schule eine Kooperationsvereinbarung, die den Betrieb absicherte. Beim Festakt zum hundertjährigen Bestehen 2010 wurde die Station als einzige Forschungseinrichtung in Bayern vorgestellt, die sich intensiv mit dem Kernobstanbau beschäftigt.

Was in Schlachters heute erforscht wird

Organisatorisch gehört die Versuchsstation zum Institut für Gartenbau der HSWT. Auf rund acht Hektar stehen Apfel- und Birnbäume in Versuchsreihen, zum Teil biologisch bewirtschaftet, zum Teil nach den Regeln des integrierten Pflanzenschutzes. Die Hochschule nennt vier Schwerpunkte: nachhaltige Produktionsverfahren, der Umgang mit Krankheiten und Schädlingen, ein sparsamer Wassereinsatz und der Erhalt gefährdeter regionaler Apfel- und Birnensorten.

Hinter den nüchternen Begriffen stehen konkrete Probleme. Neue Sorten bei Apfel, Birne und Zwetschge müssen zeigen, wie sie mit veränderten klimatischen Bedingungen und mit Umweltbelastungen zurechtkommen. Der Feuerbrand, eine bakterielle Krankheit an Kernobst, und die aus Asien eingeschleppte Kirschessigfliege gehören seit Jahren zu den Themen am Bodensee. Beim jährlichen Feldtag stellt die Station ihre Ergebnisse vor; im Juli 2025 ging es dort unter anderem um Drohnen im Obstbau und um die Forschung zum Feuerbrand. Für die rund 200 Familienbetriebe, die im etwa 800 Hektar großen bayerischen Obstbaugebiet am Bodensee wirtschaften, ist die Station nach Angaben der Hochschule ein Treffpunkt für Information und Austausch.

Für Studierende dient das Gelände als Labor im Freien. Abschlussarbeiten entstehen direkt in den Baumreihen.

Sonnenaufgang über Obstgärten im Hinterland von Lindau
Obstgärten am Bodensee · Foto: Silvio John, Elsterwerda, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Außenstandort der Gartenschau 2021

Im Programm „Die Region macht mit“ wurde die Versuchsstation 2021 zu einem der drei Außenstandorte der Gartenschau Lindau im Westallgäu, gemeinsam mit den Scheidegger Wasserfällen und der Hausbachklamm in Weiler. Vom 20. Mai bis 26. September 2021 war das Gelände zu den Gartenschau-Zeiten von 9 bis 19 Uhr geöffnet, der Eintritt war frei. Ein Lehrpfad erzählte die Geschichte des Obstbaus in der Region, Schautafeln erklärten den heutigen Anbau, und bei Führungen ging es durch den neuen Garten mit alten Sorten.

Dazu kam ein dichtes Programm. Die Dozentinnen und Dozenten der Hochschule hielten Vorträge und Workshops zur Pflege von Streuobstwiesen, zur Sortenkunde, zur Obstverarbeitung, zu Biodiversität, Gemüsebau und Pflanzenschutz. Es gab Veredelungskurse, Sortenbesichtigungen und kulinarische Rundgänge, und an Wochenenden gestalteten Gartenbauvereine aus der Umgebung eigene Aktionen. Ein interaktives Geo-Rätsel führte zu allen drei Allgäuer Außenstandorten; wer es lösen wollte, musste also auch nach Scheidegg und Weiler fahren.

Finanziert wurde die gemeinsame Ausstattung der drei Orte über das EU-Programm LEADER mit der Lokalen Aktionsgruppe Regionalentwicklung Westallgäu-Bayerischer Bodensee. In Sigmarszell nennt die Projektbeschreibung ausdrücklich ein Schulungs- und Tagungshaus.

Die Termine in Schlachters folgten dem ursprünglichen Zeitplan. Die Gartenschau Lindau 2021 auf der Hinteren Insel wurde im Juni bis zum 10. Oktober verlängert, der Außenstandort war für die Zeit bis zum 26. September geplant. Vorträge und Workshops zu Obstbauthemen liefen nach Angaben der Schwäbischen Zeitung trotzdem bis Ende Oktober weiter, sodass die Gartenschau 2021 in Schlachters am Ende sogar etwas länger dauerte als auf der Insel.

Das Seminargebäude aus Weißtanne

Dieses Haus ist das sichtbarste Erbe des Gartenschau-Sommers in Schlachters. Gebaut wurde es in sieben Monaten, von November 2020 bis Juli 2021. Der Landkreis stellte dafür das Grundstück und 500.000 Euro bereit. Das Gebäude besteht zum größten Teil aus regionalem Weißtannenholz, außen trägt es handgemachte Schindeln, die Planung stammt vom Architekturbüro Hochkant. Im Seminarraum finden bis zu 70 Personen Platz.

Nach der Gartenschau ging das Haus an die Hochschule, die es seither für Schulungen und Fortbildungen nutzt. Für eine Einrichtung, deren Hauptgebäude in einem schlechten Zustand ist, war das ein wichtiger Gewinn. Die Schwäbische Zeitung beschrieb das alte Schulgebäude im November 2025 als „in einem desolaten Zustand“; diskutiert wurden eine Sanierung mit höherer Miete oder eine Übergangslösung mit Containern.

Frische Äpfel vom Bodensee
Bodensee-Äpfel · Foto: Baden de, Wikimedia Commons, CC BY 3.0

Sortengarten: 300 alte Apfel- und Birnensorten

Schon vor 2021 wuchs auf dem Gelände ein Sortengarten mit etwa 80 Apfel- und ebenso vielen Birnensorten aus dem Allgäu. Zur Gartenschau kam ein Sortenerhaltungsgarten hinzu, in dem rund 300 verschiedene Apfel- und Birnensorten aus Schwaben gepflanzt wurden. Das Projekt ist auf zehn Jahre angelegt. Die Idee dahinter ist einfach: Viele alte Sorten stehen nur noch als Einzelbäume auf Streuobstwiesen oder in Hausgärten. Fällt der letzte Baum, ist die Sorte verloren.

Gleichzeitig kümmert sich die Station um die Erfassung und Pflege heimischer Streuobstbestände. Diese Wiesen mit hochstämmigen Bäumen sind aufwendig zu bewirtschaften, und ohne Pflege würden viele von ihnen aus der Landschaft verschwinden.

Ausflug nach Schlachters: was zu beachten ist

Die Versuchsstation ist ein Forschungsbetrieb, kein Park. Feste Öffnungszeiten für Besucher veröffentlicht die Hochschule nicht, und die Versuchsflächen sind Arbeitsflächen (Stand 09/2026). Ein spontaner Ausflug nach Schlachters Sigmarszell lohnt sich daher vor allem zu Veranstaltungen wie dem Feldtag; Gruppen fragen am besten vorher bei der Station an. Auch die Zukunft ist nicht ganz geklärt: Der Kooperationsvertrag zwischen Landkreis und Hochschule wurde im Herbst 2025 vorläufig bis zum 31. Dezember 2026 verlängert, ein neuer langfristiger Vertrag stand zu diesem Zeitpunkt noch aus.

Wer ohnehin in der Gemeinde ist, kann den Besuch mit ein paar Orten verbinden, die mit Obst nichts zu tun haben. Die Kirche St. Gallus in Sigmarszell geht in ihrer heutigen Form auf das Jahr 1710 zurück, dazu kommen die Kapelle auf dem Kinberg und die Ruine der Burg Grünschönstein. Und ein Gemeindeteil von Sigmarszell grenzt an ein ganz anderes Ausflugsziel: Das Naturschutzgebiet Rohrachschlucht erstreckt sich südlich und südöstlich von Niederstaufen, also unterhalb der Scheidegger Wasserfälle. Zwischen Obstbauschule und Tobel liegen damit nur wenige Kilometer, aber zwei völlig verschiedene Landschaften: gepflegte Baumreihen auf der Anhöhe und ein Wald, der sich weitgehend selbst überlassen bleibt.

Die Anreise ist kurz. Schlachters liegt nahe der A 96, deren Anschlussstelle 3 nach Sigmarszell benannt ist. Der alte Bahnhof Schlachters an der 1853 eröffneten Strecke Buchloe–Lindau hat seit den 1980er Jahren keinen Personenverkehr mehr, wer ohne Auto kommt, nimmt den Bus. Von hier aus ist es nicht weit hinauf nach Scheidegg, und die Übersicht aller Ausflugsziele rund um Lindau zeigt, welche weiteren Außenstandorte von 2021 sich am selben Tag verbinden lassen. Wer den Tag am See beschließen möchte, findet im Lindau-Reiseführer Hinweise zu Insel, Hafen und Parkplätzen.

Kurz beantwortet

Häufige Fragen

Was ist die Versuchsstation in Schlachters Sigmarszell?

Sie ist eine Forschungseinrichtung der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf und gehört organisatorisch zu deren Institut für Gartenbau. Auf rund acht Hektar wird zu Kernobst geforscht, also zu Apfel und Birne. Themen sind nachhaltige Anbauverfahren, Krankheiten und Schädlinge, sparsamer Wassereinsatz und der Erhalt regionaler Sorten. Hervorgegangen ist die Station aus der 1910 eröffneten Königlich Bayerischen Obst- und Weinbauschule.

Welche Rolle spielte Schlachters bei der Gartenschau 2021?

Die Versuchsstation war einer von drei Außenstandorten im Westallgäu, neben den Scheidegger Wasserfällen und der Hausbachklamm in Weiler. Vom 20. Mai bis 26. September 2021 gab es bei freiem Eintritt einen Lehrpfad zur Obstbaugeschichte, Führungen durch den Sortenerhaltungsgarten, Vorträge, Veredelungskurse und Aktionen regionaler Gartenbauvereine. Ein neues Seminargebäude aus Weißtannenholz diente als Veranstaltungsort.

Kann man die Versuchsstation heute besuchen?

Schlachters ist eine Forschungsanlage und kein Schaugarten mit festen Öffnungszeiten. Während der Gartenschau 2021 war das Gelände zu deren Öffnungszeiten frei zugänglich; aktuelle, allgemeine Besuchszeiten veröffentlicht die Hochschule nicht. Offene Termine sind vor allem Veranstaltungen wie der jährliche Feldtag, der sich an Obstbaubetriebe richtet. Wer als Gruppe kommen möchte, sollte vorher bei der Versuchsstation anfragen.

Woher kommt der Name Schlachters?

Mit dem Schlachten hat der Ortsname nichts zu tun. Schlachters wird 1466 erstmals erwähnt, als eine Lindauer Bürgerfamilie namens Schlachter in der Gegend Grundbesitz hatte. Der Ort liegt auf etwa 510 Metern Höhe, rund einen Kilometer westlich des Hauptorts Sigmarszell, und ist heute der größte der rund 30 Gemeindeteile.

Wie viele Obstsorten wachsen in Schlachters Sigmarszell?

Im Sortenerhaltungsgarten, der zur Gartenschau 2021 neu angelegt wurde, wachsen rund 300 Apfel- und Birnensorten aus Schwaben. Er ist Teil eines auf zehn Jahre angelegten Projekts, das alte regionale Kernobstsorten sammelt und pflanzt. Schon vorher gab es auf dem Gelände einen Sortengarten mit etwa 80 Apfel- und ebenso vielen Birnensorten aus dem Allgäu.

Wie kommt man von Lindau nach Schlachters?

Schlachters liegt nordöstlich von Lindau nahe der A 96, deren Anschlussstelle 3 den Namen Sigmarszell trägt. Von der Lindauer Insel ist es eine kurze Autofahrt über das Festland. Der Bahnhof Schlachters an der Strecke Buchloe–Lindau hat seit den 1980er Jahren keinen Personenverkehr mehr, die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln läuft daher über den Bus.