Konzept Gartenschau Lindau: der Gartenstrand vom Berg zum See
Hinter dem Schlagwort „Gartenstrand“ steckte ein klarer Plan: Die Hintere Insel sollte erst Grünflächen und einen Zugang zum See bekommen, bevor dort gebaut wird. Sechs Bereiche von der Karlsbastion bis zum Sina-Kinkelin-Platz setzten diese Idee um, und das Motto „vom Berg zum See“ zog sich dabei durch Spielgeräte, Pflanzungen und Programm.

Konzept Gartenschau Lindau: erst das Grün, dann die Häuser
Konzept Gartenschau Lindau, das hieß vor allem eine Umkehr der üblichen Reihenfolge. Normalerweise beginnt Stadtentwicklung mit Straßen und Gebäuden, und das Grün füllt am Ende die Lücken. Auf der Hinteren Insel sollte es andersherum laufen. Zuerst wurden Park, Promenade und Ufer gestaltet, danach sollte über ein Wohnquartier auf den verbliebenen Flächen entschieden werden.
Der Anlass war handfest. Mit dem neuen Fernbahnhof Lindau-Reutin auf dem Festland verloren Teile der Hinteren Insel ihre Funktion als Bahn- und Parkfläche, und es stellte sich die Frage, was aus ihnen werden sollte. Die Gartenschau lieferte eine Antwort und zugleich das Geld, um sie umzusetzen. Aus einem Parkplatz wurde der Bürgerpark, und durch die Förderung ist er für 30 Jahre rechtlich als Grünfläche gesichert.
Die Bayerische Gartenschau ist dafür gemacht. Seit der ersten Landesgartenschau 1980 in Neu-Ulm gilt die Idee, dass gärtnerische Attraktionen Infrastruktur anstoßen sollen, von der eine Stadt noch Jahrzehnte später profitiert. Die Gesellschaft, die eine Schau ausrichtet, wird danach aufgelöst, und die Anlagen gehen an die Kommune über. Lindau folgte diesem Muster, nur auf kleinerer Fläche: 5,3 Hektar statt der Dimensionen großer Landesgartenschauen.
Gartenstrand: ein Strand für eine Inselstadt
Der Markenname „Gartenstrand“ klang zunächst nach Werbung. Er beschrieb aber ein echtes Defizit. Lindau liegt mitten im Bodensee und hatte auf der Insel trotzdem kaum Stellen, an denen man bequem ins Wasser kam. Am Ufer der Hinteren Insel gab es vor dem Umbau nur ein schmales Betonband, von dem aus die Einheimischen zum Baden hinunterklettern mussten.
Die Planer antworteten darauf mit den Uferstufen, einer Kiesfläche davor und großen Liegewiesen im Bürgerpark. Schon der symbolische Spatenstich am 17. Oktober 2019 griff das Bild auf: Statt Spaten in einen Rasen zu stechen, bauten Schulkinder vor Sandhügeln und Baggern einen kleinen Strand, auf den die Ehrengäste Schwimmring, Flossen und einen Liegestuhl stellten. Ein Eiswagen kam auch.
Während der Saison 2021 blieb das Strandmotiv präsent. Eine der Themenwochen hieß „Strandvergnügen“, über die Saison wurden 1.864 SUP-Boards ausgeliehen, und bei Sonnenuntergang füllten sich die Stufen verlässlich.
Vom Berg zum See: das Motto im Gelände
Die zweite Hälfte des Mottos, „vom Berg zum See“, spielte auf die Aussicht an. Von der Hinteren Insel reicht der Blick über den See bis zu den Alpen, und diese Kulisse sollte im Gelände selbst ein Echo finden. Am deutlichsten zeigte sich das an der „Gratwanderung“ im Bürgerpark, einem großen Klettergerüst, dessen Form sich an der Bergsilhouette des Schweizer Ufers orientiert.
Daneben stellte der Deutsche Alpenverein, Sektion Lindau, einen Boulderblock mit 90 Quadratmetern Kletterfläche auf und legte einen alpinen Garten an. Der Bund Naturschutz baute einen kleinen Wasserfall aus Nagelfluhfelsen, die der Markt Scheidegg zur Verfügung stellte. Selbst der Kiosk erinnert in seiner Holzbauweise an eine Berghütte oder ein Bootshaus.
Das Motto reichte auch über die Insel hinaus. Außenstandorte in Scheidegg, Weiler und Schlachters holten Wasserfälle, Schluchten und Obstwiesen aus dem Westallgäu in die Gartenschau und machten den Weg vom Berg zum See im Wortsinn begehbar.

Die sechs Bereiche im Überblick
Das Gelände war in sechs Bauabschnitte gegliedert, von denen jeder eine eigene Aufgabe bekam.
Karlsbastion
Die Karlsbastion war der Knotenpunkt zwischen Promenade und Luitpoldpark. Historische, denkmalgeschützte Bahngebäude stehen dort neben Neubauten, auf der Schanze wacht eine mehr als 100 Jahre alte Ulme, und die Mauern stammen teilweise aus dem 16. Jahrhundert. Eine neue Rampe macht die Aussicht seit dem Umbau barrierefrei zugänglich.
Schützinger Weg
Aus einem dunklen Trampelpfad wurde am Schützinger Weg eine breite Promenade von der Leuchtturmmole bis zum Luitpoldpark. Die seltenen Kolchischen Ahornbäume und die alten Kastanien blieben erhalten und bilden mit neu gepflanzten Bäumen eine Allee.
Luitpoldpark
Der Luitpoldpark wurde bewusst als Ruhezone angelegt. Über der Tiefgarage wichen Rasenflächen einer Pflanzung aus Stauden, Gräsern und Sträuchern, die Insekten und Vögeln Lebensraum bietet. Mittelpunkt ist der hölzerne „Ring for Peace“, eine Skulptur für den Frieden zwischen den Religionen.
Bürgerpark
Der Bürgerpark entstand auf dem früheren Parkplatz und ist der lebhafteste Teil. Spielgeräte, ein Kiosk, weite Rasenflächen und im Norden ein Sportband mit Skateanlage, Calisthenics-Geräten und Boulderblock machen ihn zum Treffpunkt für Familien und Jugendliche. Beim Deutschen Landschaftsarchitektur-Preis 2025 erhielt er eine Auszeichnung.
Uferstufen
Die Uferstufen ziehen sich auf 120 Metern am Bürgerpark entlang. Die Betonstufen sind so angelegt, dass man bei jedem Wasserstand in den See kommt, und die Kiesfläche davor wertet das Ufer ökologisch auf.
Sina-Kinkelin-Platz
Der Sina-Kinkelin-Platz lag außerhalb des Gartenschaugeländes, war aber Teil des Konzepts. Der beliebte kleine Elefant blieb, bekam eine große Elefanten-Mutter aus Robinienholz zur Seite, und der Spielplatz erhielt als erster in Lindau einen Inklusionsbereich.
Geschichte sichtbar lassen
Ein Gedanke, der sich durch alle Bereiche zog, war der Umgang mit dem, was schon da war. Die Hintere Insel war über lange Zeit Bahngelände, mit Rotunde, Lokschuppen und Gleisen. Statt diese Spuren zu beseitigen, ließen die Planer Prellböcke, eine Wartungsgrube und Schienen im Boden liegen. Die Gartenschau sollte einen Bogen von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft schlagen, hieß es im Mai 2020 bei einem Bericht von der Baustelle.
Auch an der Karlsbastion blieb Geschichte erhalten. Dort steht der Sockel des Maximiliansdenkmals, das einst am Seehafen zwischen dem Hotel Bayerischer Hof und dem Bahnhof stand. Die Statue des bayerischen Königs wurde im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen, der Sockel zog auf die Bastion um. Ein Audioguide erklärte 2021, woher der Schützinger Weg seinen Namen hat und wo das Reich der Eisenbahner lag.

Nachhaltig bauen, Bäume erhalten
Beim Bau achtete die Gesellschaft auf kurze Wege für das Material. Rund 1.000 Kubikmeter Stein, Asphalt und Beton aus dem Abriss des alten Parkplatzes wurden vor Ort zerkleinert und im Wegebau sowie als Füllmaterial wiederverwendet, was Transporte sparte.
Bei den Bäumen galt am Schützinger Weg die Vorgabe, den gesamten Bestand zu erhalten. Im Bürgerpark kamen im November 2020 dreißig neue Bäume hinzu, darunter ein Persischer Eisenholzbaum, dessen Holz so schwer ist, dass es im Wasser sinkt, und ein Blauglockenbaum, der als besonders schnellwüchsig und trockenheitstolerant gilt. Die Blühwiesen im Bürgerpark und im nördlichen Luitpoldpark waren von Anfang an als dauerhafte Pflanzung geplant und sollten der Stadt zeigen, dass öffentliche Grünflächen nicht immer Rasen sein müssen.
Mitplanen statt nur zuschauen
Ein Teil des Konzepts bestand darin, die Stadt früh einzubinden. Dass der kleine Elefant am Sina-Kinkelin-Platz bleiben durfte, war ein Ergebnis der Bürgerbeteiligung. Ab November 2019 führte die Gesellschaft regelmäßig über die Baustelle, und die Rundgänge waren gut besucht: Im August 2020 kamen rund 50 Interessierte, um sich Eingänge, Kassen, Gastronomie und die künftigen Ausstellungsflächen zeigen zu lassen.
Bei der Skateanlage ging die Beteiligung noch weiter. Mitglieder des Vereins Lindau Move steckten nach eigenen Angaben 600 bis 800 Arbeitsstunden in Planung und Bau, unterstützt von der ausführenden Garten- und Landschaftsbaufirma und später von den Garten- und Tiefbaubetrieben der Stadt. Nach Einschätzung des Vereins gab es solche Kooperationen zwischen Stadt, Gartenschau und Verein damals nur eine Handvoll in ganz Deutschland, und die Anlage wurde in der Skaterszene über die Region hinaus wahrgenommen.
Und der Gartenstrand hörte nicht an der Insel auf. Zur Saison 2021 wurden auch auf dem Festland Grünflächen und Kreisverkehre nach einem einheitlichen Pflanzkonzept umgestaltet, das die Stadtgärtnerei umsetzte. Es sollte sich wie ein roter Faden durch Lindau ziehen und auf der Hinteren Insel enden. Wer das Konzept Gartenschau Lindau auf einen Satz bringen will, landet deshalb bei der Stadt als Ganzes, nicht bei einem eingezäunten Gelände.
Wie die Bereiche finanziert wurden
Das Konzept wäre ohne staatliche Förderung nicht umsetzbar gewesen. Insgesamt flossen 4,8 Millionen Euro. Aus der Gartenschau-Förderung kamen 2,6 Millionen Euro für den Bau des Bürgerparks, die Uferstufen, die Umgestaltung des Luitpoldparks und die Sanierung der maroden Karlsbastion. Die Städtebauförderung steuerte 2,2 Millionen Euro bei, mit denen der Schützinger Weg verbreitert, ein Inselweg angelegt und am Sina-Kinkelin-Platz ein Spielplatz mit Kleinspielfeldern gebaut wurde.
Allein die Spielgeräte am Sina-Kinkelin-Platz kosteten rund 400.000 Euro. Die Aufteilung zeigt, wie das Konzept funktionierte: Die Gartenschau selbst war nach 144 Tagen vorbei, die geförderten Anlagen dagegen waren von Beginn an auf Jahrzehnte angelegt. Einen Überblick über die gesamte Schau bietet die Seite zur Gartenschau Lindau 2021.
Die Bereiche im Einzelnen
Häufige Fragen
Was war das Konzept der Gartenschau Lindau?
Im Kern ging es darum, auf der Hinteren Insel zuerst die Frei- und Grünflächen zu planen und erst danach über Bebauung zu entscheiden. Ein Parkplatz wurde zum Bürgerpark, ein schmaler Uferpfad zur Promenade, und mit den Uferstufen bekam die Insel einen bequemen Zugang zum Bodensee. Die Gartenschau war damit der Auftakt einer längerfristigen Stadtentwicklung.
Was bedeutet Gartenstrand?
„Gartenstrand“ war der Markenname der Lindauer Schau. Er verband den Garten mit dem Ufer: Liegewiesen, Kiesfläche und Stufen ins Wasser gehörten genauso dazu wie Beete und Blumenschau. Schon beim symbolischen Spatenstich im Oktober 2019 bauten Schulkinder mit bunten Spaten einen kleinen Sandstrand, auf den Liegestuhl und Schwimmring gestellt wurden.
Was ist mit dem Motto vom Berg zum See gemeint?
Das Motto nahm den Blick von Lindau über den Bodensee auf die Alpen auf. Auf dem Gelände fand er sich im Klettergerüst „Gratwanderung“, dessen Form die Bergsilhouette am Schweizer Ufer aufgreift, im Boulderblock des Alpenvereins und in Nagelfluhfelsen aus Scheidegg. Am anderen Ende standen die Uferstufen und der Kiesstrand direkt am Wasser.
Welche sechs Bereiche gehörten zum Konzept Gartenschau Lindau?
Die sechs Bauabschnitte waren die Karlsbastion, der Schützinger Weg mit seiner Promenade, der Luitpoldpark, der Bürgerpark, die Uferstufen und der Sina-Kinkelin-Platz. Die ersten fünf lagen auf dem eintrittspflichtigen Gelände der Hinteren Insel. Der Sina-Kinkelin-Platz lag außerhalb, war aber vom gleichen Gedanken geprägt und wurde schon im Herbst 2020 fertig.
Wer hat die Gartenschau Lindau geplant?
Die Freianlagen entwarf das Büro Atelier Loidl Landschaftsarchitekten aus Berlin. Den Kiosk im Bürgerpark plante das Berliner Büro Studio Wessendorf. Bei der Skateanlage arbeitete der Verein Lindau Move mit Stadt und Gartenschau zusammen, und der Deutsche Alpenverein, Sektion Lindau, stellte den Boulderblock auf. Für die Sommerblumen war eine eigene Pflanzplanung zuständig.
Ist das Konzept nach der Gartenschau umgesetzt worden?
Die Grünanlagen sind geblieben: Bürgerpark, Uferstufen, Luitpoldpark, Karlsbastion und Schützinger Promenade wurden als dauerhafte Anlagen gebaut. Der Bürgerpark ist für 30 Jahre als Grünfläche gesichert. Beim geplanten Wohnviertel kam es anders als gedacht, denn beim Bürgerentscheid im September 2022 lehnte eine klare Mehrheit die Bebauung der vier südlichen Baufelder ab.