Lindau 2021 Gartenschau · Insel · See
Stille in Aeschach

Alter Friedhof Aeschach: Ausflug zum Campo Santo, Außenstandort 2021

Um 1510 starb in Lindau ein Drittel der Bevölkerung an der Pest, und die Stadt brauchte einen neuen Friedhof außerhalb der Mauern. Vierhundert Jahre lang wurde in Aeschach beerdigt, danach verfiel die Anlage fast. Heute ist sie ein seltenes Beispiel für einen Friedhof der Reformationszeit nach italienischem Vorbild, gerettet von einem Verein.

Barocke Doppelgrabhalle auf dem Alten Friedhof in Lindau-Aeschach
Ausflugab Lindau (Bodensee)
Region Westallgäu · Bodensee
Grabhalle der Familie Seutter, 1730 · Foto: Störfix, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de

Steine einer Römervilla in der Friedhofsmauer

In der Mauer der Friedhofskapelle stecken Bruchstücke römischer Terrakotta. Wer genau hinsieht, findet sie im Mauerwerk bis heute. Sie erklären gleich zu Beginn, warum ein Ausflug hierher lohnt: Alter Friedhof Aeschach, das heißt mehr als ein Gräberfeld. Als die Stadt Lindau im frühen 16. Jahrhundert einen neuen Begräbnisplatz anlegen ließ, lag in der Nähe die verfallene Villa eines wohlhabenden Bewohners des römischen Brigantium, des heutigen Bregenz. Ihre Steine wurden für Mauern und Kapelle wiederverwendet. Brigantium war in römischer Zeit ein bedeutender Ort am östlichen Bodensee, und die Villa bei Aeschach zeigt, dass sich wohlhabende Bewohner auch außerhalb der Siedlung niederließen. Als man weit über tausend Jahre später Baumaterial brauchte, lag die Ruine bequem nahe. Die Wiederverwendung antiker Bauteile war im Mittelalter und in der frühen Neuzeit weit verbreitet, in Aeschach ist sie bis heute sichtbar geblieben.

Ein Friedhof als Steinbruch der Antike, errichtet wegen einer Seuche, geprägt von der Reformation und gerettet von Bürgern: Kaum ein anderer Ort in Lindau erzählt so viel Stadtgeschichte auf so wenig Fläche.

Pest, Reformation, Konfessionen: fünf Jahrhunderte in Daten

Die Geschichte der Anlage lässt sich an wenigen Jahreszahlen festmachen. Die Angaben stammen von der Tourismusseite der Stadt Lindau und aus der Wikipedia; wo beide voneinander abweichen, ist das Detail hier weggelassen.

  • um 1510: Die Pest tötet ein Drittel der Lindauer Bevölkerung, die bestehenden Begräbnisplätze reichen nicht mehr aus.
  • 1512: Die Stadt erwirbt einen Baumgarten am Aeschacher Hang für 500 Gulden vom Stift Lindau.
  • 1520: Die spätgotische Kapelle wird geweiht.
  • nach 1528: Mit der Reformation werden dort zunächst nur noch Protestanten beerdigt.
  • 1616: Der Friedhof wird nach Norden erweitert.
  • 1806 bis 1848: Lindau fällt an Bayern, die katholische Bevölkerung wächst; 1826 entsteht ein eigener katholischer Teil, 1848 die Ulrichskapelle.
  • 1915: Die letzten Beerdigungen, danach übernimmt ein neuer städtischer Friedhof.
  • 1941: Die Anlage kommt unter Denkmalschutz.
  • 2003: Gründung des Fördervereins.
  • 2010: Urnenbeisetzungen sind wieder möglich.

Vierhundert Jahre lang war der Alte Friedhof Aeschach damit die letzte Ruhestätte der Lindauer Bürger. Dass er so lange in Gebrauch blieb, erklärt die Dichte an Grabmalen aus ganz verschiedenen Epochen.

Ein Campo Santo am Bodensee

Das Besondere an Aeschach ist die Form. Die Anlage folgt dem Vorbild des italienischen Campo Santo: Die bedeutenden Familien ließen ihre Grabmale an den Umfassungsmauern errichten, oft als Ädikulen, kleine tempelartige Aufbauten, die die zum Teil reich geschmückten Grüfte schützen. Zahlreiche dieser Ädikulen aus dem 16. und 17. Jahrhundert sind erhalten. Die Wikipedia nennt den Friedhof deshalb eine Rarität in Deutschland, einen gut erhaltenen Friedhof der Reformationszeit in diesem Stil.

Die Rasenflächen in der Mitte gehörten dagegen der einfachen Bevölkerung, die in Erdgräbern beerdigt wurde. Zwischen Mauer und Wiese lässt sich die soziale Ordnung der alten Reichsstadt heute noch ablesen, deutlicher als in jedem Museum.

Der Begriff Ädikula stammt aus der antiken Architektur und meint ein kleines Gehäuse aus Säulen oder Pilastern mit einem Giebel darüber, ursprünglich als Rahmen für ein Götterbild. Auf dem Friedhof rahmt die Form Inschriften, Wappen und Reliefs der Familien, die hier ihre Grüfte hatten. Der Blick nach Süden hat in Lindau Tradition: Drei Jahrhunderte später baute der in Italien reich gewordene Kaufmann Friedrich Gruber am Seeufer den Lindenhofpark.

Familiengruft mit Säulen und Gitter auf dem Alten Friedhof Aeschach
Familiengruft, belegt seit 1826 · Foto: Störfix, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de

Beinahe verloren: Verfall und Rettung

Nach 1915 wurde es still um den Friedhof. 1921 ging er in städtischen Besitz über, und 1941 kam er zwar unter Denkmalschutz, doch der Schutz auf dem Papier bewahrte ihn nicht vor dem Verfall. Umweltschäden setzten den Steinen zu, Vandalismus tat ein Übriges, und bei der späteren Umgestaltung zu einer Parkanlage verschwanden zahlreiche Gräber.

Ohne den Förderverein Lindauer Kulturerbe Alter Friedhof, 2003 von engagierten Bürgern gegründet, wäre von der Anlage vermutlich wenig übrig. Der Verein arbeitet eng mit der Stadtverwaltung zusammen und hat ein Modell durchgesetzt, das so einfach wie wirksam ist. Die Stadt vergibt historische Grabstätten an Privatpersonen. Diese sanieren sie auf eigene Kosten und denkmalgerecht, oft mit großem Aufwand, und erhalten dafür das Recht auf eine Urnenbestattung. Schon im Gartenschaujahr 2021 waren auf diese Weise die meisten Gräber restauriert.

Nach einem Bericht des Wochenblatts hat der Verein rund 250 Mitglieder und arbeitet ausschließlich ehrenamtlich und mit Spenden. Vierzehn Grabstätten hat er demnach auf eigene Rechnung restauriert. Ab 2019 wurden die Wege in drei Bauabschnitten erneuert und verbreitert, damit die Anlage leichter zugänglich ist; dafür steuerte der Verein rund 15.000 Euro bei. Zwölf Bänke laden inzwischen zum Sitzen ein.

Das Modell verbindet Denkmalpflege und Friedhofsnutzung auf eine Weise, die man sich an vielen verfallenden historischen Friedhöfen wünschen würde. Der Verein dokumentiert die Anlage außerdem mit einem Gräberlageplan und einer Gräberliste auf seiner Website.

Die Kröll-Kapelle

Auch die Kröll-Kapelle konnte erhalten werden. Sie war die Familiengruft der Patrizierfamilie Krell und wurde 2005 restauriert. Heute ist sie der Raum, in dem der Förderverein Konzerte, Ausstellungen und Lesungen organisiert. Wertvolle Ausstattungsstücke wie verzierte Epitaphe und Metallarbeiten lässt der Verein fachgerecht konservieren, damit sie später im Stadtmuseum oder in der Kapelle gezeigt werden können. So bekommt die Anlage, die die Gartenschau als Insel der Stille beschrieb, immer wieder neues Leben. Wer an einer Veranstaltung dort teilnimmt, erlebt den Raum anders als bei einem Rundgang: als genutzten Ort und nicht als Denkmal hinter Glas.

Grabmal an der Friedhofsmauer des Alten Friedhofs Aeschach
Alter Friedhof Aeschach · Foto: DKrieger, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Alter Friedhof Aeschach: Station der Gartenschau 2021

Für die Gartenschau „Natur in Lindau 2021“ war der Friedhof einer der sieben Außenstandorte der Reihe „Die Region macht mit“. Jedem Ort ordnete der Veranstalter ein Gefühl zu, und für Aeschach lautete es Besinnung. Die damalige Beschreibung sprach von einer Insel der Stille mitten im Lärm des Alltags, von Grabstätten aus mehreren Jahrhunderten und von schattigen Bäumen.

Gebaut wurde für die Gartenschau hier nichts. Die Aufnahme ins Programm war vor allem ein Hinweis an die Gäste, die sonst nur Insel und Hafen gesehen hätten. Dass ausgerechnet ein Friedhof zu einer Gartenschau gehört, wirkt auf den ersten Blick überraschend, zumal die Gartenschau auf der Hinteren Insel mit Uferstufen, Sommerblumen und Strandliegen eher auf Leichtigkeit setzte. Auf den zweiten ist es folgerichtig, denn historische Friedhöfe sind gestaltete Grünanlagen mit Wegen, Bäumen und Sichtachsen. Die anderen Stationen der Reihe stellt der Überblick über die Ausflugsziele rund um Lindau vor, die Gartenschau selbst die Seite zur Gartenschau Lindau 2021.

Ausflug nach Aeschach: Lage, Führungen und ein paar Regeln

Der Friedhof liegt an der Anheggerstraße im Stadtteil Aeschach auf dem Festland. Die Tourismusseite der Stadt nennt keine Öffnungszeiten. Es handelt sich um eine Grünanlage mit Gräbern, in der seit 2010 wieder beigesetzt wird. Entsprechend gilt die übliche Rücksicht: leise sein, auf den Wegen bleiben, keine Grabstätten betreten.

Einen guten Einstieg bieten die Führungen des Fördervereins, der den Friedhof mit Führungen, Konzerten, Ausstellungen und Lesungen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat. Sie erzählen von der Rettung der Anlage und davon, wie frühere Generationen mit dem Tod umgingen, und machen die Grabmale lesbar, an denen man allein vorbeigehen würde. Die Termine wechseln und stehen im Veranstaltungskalender der Lindauer Tourismusseite.

Wer lieber Natur als Geschichte sucht, findet östlich der Insel den Beobachtungssteg an der Reutiner Bucht, der ebenfalls zu den Außenstandorten von 2021 gehörte. Wer den Besuch mit einem weiteren Kulturdenkmal verbinden will, fährt weiter zum Hoyerbergschlössle im Stadtteil Hoyren, einem Belvedere von 1854 mit Blick über die Insel. Und wer die Terrakottastücke der Römervilla sucht, findet sie laut der Stadt im Mauerwerk der spätgotischen Kapelle.

Kurz beantwortet

Häufige Fragen

Wo liegt der Alte Friedhof Aeschach?

Der Friedhof liegt im Lindauer Stadtteil Aeschach auf dem Festland, an der Anheggerstraße in 88131 Lindau. Bei seiner Anlage im frühen 16. Jahrhundert lag der Hang noch außerhalb der Stadt. Heute ist er von Wohnstraßen umgeben, was den Kontrast zwischen Alltag und Stille erklärt, den schon die Gartenschau 2021 hervorhob.

Wie alt ist der Alte Friedhof Aeschach?

Er ist über 500 Jahre alt. Anlass war die Pest um 1510, die ein Drittel der Lindauer Bevölkerung dahinraffte. 1512 erwarb die Stadt das Gelände laut Wikipedia für 500 Gulden vom Stift Lindau. Beerdigt wurde dort bis 1915; danach übernahm der neue städtische Friedhof diese Aufgabe, und die alte Anlage blieb sich selbst überlassen.

Kann man auf dem Alten Friedhof Aeschach heute noch bestattet werden?

Ja, in begrenztem Umfang. Seit 2010 sind wieder Urnenbeisetzungen möglich. Nach der Beschreibung aus dem Gartenschaujahr vergibt die Stadt auf Initiative des Fördervereins historische Grabstätten an Privatpersonen, die diese auf eigene Kosten denkmalgerecht sanieren und im Gegenzug das Recht auf eine Urnenbestattung erhalten. Auskünfte gibt die städtische Friedhofsverwaltung.

Was bedeutet Campo Santo beim Aeschacher Friedhof?

Campo Santo bezeichnet einen Friedhof nach italienischem Vorbild, bei dem prächtige Grabmale an den Umfassungsmauern stehen. In Aeschach sind zahlreiche Ädikulen aus dem 16. und 17. Jahrhundert erhalten, kleine tempelartige Aufbauten über den Familiengrüften der Patrizier. Die einfache Bevölkerung wurde dagegen in Erdgräbern auf den Rasenflächen beerdigt.

Gibt es Führungen über den Alten Friedhof Aeschach?

Der Förderverein hat den Friedhof mit zahlreichen Führungen, Konzerten, Ausstellungen und Lesungen bekannt gemacht. Sie erzählen von der Rettung der Anlage und vom Umgang früherer Generationen mit dem Tod. Ob und wann die nächste Führung stattfindet, steht im Veranstaltungskalender der Lindauer Tourismusseite; Termine und Treffpunkte wechseln.

Welche Rolle spielte der Friedhof bei der Gartenschau 2021?

Der Alte Friedhof Aeschach war einer der sieben Außenstandorte der Reihe „Die Region macht mit“. Die Gartenschau ordnete ihm das Gefühl der Besinnung zu und beschrieb ihn als Insel der Stille mitten im Alltag. Gebaut wurde dort für die Gartenschau nichts; sie lenkte Besucher auf einen Ort, den viele Gäste Lindaus sonst übersehen hätten.