Natursteg Lindau: Ausflug zum Beobachtungssteg in der Reutiner Bucht
Kein Garten, kein Park, keine Blumen: Der siebte Außenstandort der Gartenschau 2021 war ein hölzerner Steg am Rand eines Naturschutzgebiets. Er führt an der Ladestraße, gegenüber den Bahnanlagen, auf die sogenannte Galgeninsel in der Reutiner Bucht und erlaubt einen Blick auf Schilf, Wasservögel und See, ohne dass jemand den Uferstreifen betritt.

Region Westallgäu · Bodensee
Ein Steg statt eines Gartens
Der Natursteg Lindau taucht unter mehreren Namen auf. Im Programm der Gartenschau „Natur in Lindau 2021“ hieß er Naturbeobachtungssteg, im Überblick der Außenstandorte auch Naturerlebnissteg; die Stadt Lindau spricht vom Naturbeobachtungssteg im Naturschutzgebiet Reutiner Bucht. Gemeint ist immer dasselbe Bauwerk. Es steht an der Ladestraße, direkt gegenüber den Bahnanlagen, auf einer kleinen Halbinsel, die in Lindau Galgeninsel heißt.
Unter den sieben Außenstandorten der Reihe „Die Region macht mit“ war der Steg der ungewöhnlichste. Alle anderen Orte gab es lange vor der Gartenschau, vom Lindenhofpark bis zur Hausbachklamm. Der Steg dagegen entstand eigens für 2021 und wurde als Teil der Gartenschau geplant.
Das hatte auch einen praktischen Grund. Laut einem Bericht der Schwäbischen Zeitung von 2018 hatte der Freistaat angeboten, die Hälfte der Kosten zu übernehmen, und die Stadt wollte den Steg bis zur Gartenschau fertig haben.
Besucherlenkung statt Verbotsschilder
Hinter dem Steg steht eine einfache Überlegung. Auf die Galgeninsel durften Spaziergänger seit der Erweiterung des Schutzgebiets außerhalb der Brutzeit gehen. Nach einem Sturm, der mehr als ein Jahr vor dem Bericht von 2018 Bäume beschädigt hatte, blieb sie wegen herabfallender Äste gesperrt. Gleichzeitig rechnete die Stadt mit deutlich mehr Menschen am Ufer: Der neue Fernbahnhof in Reutin sollte kommen, und zwischen Bahn und Ladestraße waren Wohnungen geplant.
Statt das Ufer mit Zäunen und Verbotsschildern abzuriegeln, entschied sich Lindau für ein Vorbild aus der Nachbarschaft. Im Eriskircher Ried am baden-württembergischen Ufer und in Friedrichshafen hatte man die Erfahrung gemacht, dass Besucher angebotene Stege gern annehmen und die wirklich empfindlichen Bereiche dann in Ruhe lassen. Eine attraktive Stelle für alle schützt die Stille für die Tiere. Lindau übernahm dieses Prinzip, statt ein eigenes zu erfinden, und passte es an die kleine Fläche der Bucht an.
Die Gestaltung folgt dieser Logik bis ins Detail. Der Steg ist nach Angaben der Stadt bewusst so hoch gebaut, dass niemand leicht hinunterklettert. Sitzbänke und Mülleimer fehlen absichtlich, damit sich niemand länger aufhält. Wer eine Picknickbank erwartet, wird enttäuscht. Genau das ist gewollt.
Das Naturschutzgebiet Reutiner Bucht
Das Schutzgebiet umfasst den Uferstreifen östlich der Lindauer Insel samt der angrenzenden Wasserfläche und liegt südlich des Stadtteils Reutin. Die Regierung von Schwaben stellte es 2005 unter Schutz; die Verordnung nennt eine Fläche von rund 28 Hektar. Zugleich sichert das Gebiet Teile des europäischen FFH-Gebiets „Bodenseeufer“ und des Vogelschutzgebiets „Bayerischer Bodensee“.
Als Schutzzweck nennt die Verordnung drei Dinge: die seltene Strandschmielen-Gesellschaft der Uferbank, die Bucht als bedeutenden Nahrungs-, Rast- und Brutplatz für Wasservögel und Fische, und ausdrücklich auch das Ordnen der Freizeitnutzung. Für das Vogelschutzgebiet sind Eisvogel und Flussseeschwalbe eigens genannt. Die Verordnung verbietet außerdem, Tiere an Nist- und Brutstätten durch Aufsuchen oder durch Foto- und Filmaufnahmen zu stören, und das Betreten abseits des Weges auf der Galgeninsel. Der Steg ist also die praktische Umsetzung dessen, was die Verordnung schon 2005 vorsah.
Bekannt ist die Bucht vor allem für ihre Vögel. Seltene Arten brüten hier oder machen auf dem Zug Rast. Die Wikipedia nennt eine Kolonie von bis zu 50 Brutpaaren Haubentaucher, die größte in Bayern, dazu Höckerschwäne, Reiherenten, Tafelenten und Teichrohrsänger im Schilf. Im Wasser leben Hecht, Bitterling und Groppe.
Auch die Pflanzenwelt hat eine Besonderheit. Die Stadt hebt das Bodensee-Vergissmeinnicht hervor, eine seltene Blütenpflanze der Uferzone, die in der Reutiner Bucht besonders schön blüht. Daneben prägen Schilf, die Bodensee-Strandschmiele und Armleuchteralgen den Lebensraum.
Wer das alles aus der Nähe erleben möchte, kann es nur vom Steg aus. Das ist die Pointe des ganzen Bauwerks: Man sieht mehr, weil man weniger darf.

Die Galgeninsel: ein Name aus dem Mittelalter
Der Name der Halbinsel klingt düsterer als der Ort. Lindau besaß im Mittelalter die hohe Gerichtsbarkeit, also das Recht, über schwere Verbrechen zu urteilen, und richtete nach der Darstellung in der Wikipedia auf einer Insel in der Bucht eine Hinrichtungsstätte ein. Daher kommt die Bezeichnung Galgeninsel. Ob die heutige Landzunge an der Ladestraße genau der historische Richtplatz war, ist nicht sicher belegt; in Lindau heißt sie trotzdem so.
Die kleine Halbinsel ist mit Bäumen bestanden, von Schilf umgeben und Teil des Schutzgebiets. Dass ein Ort mit diesem Namen zu einem der ruhigsten der Stadt geworden ist, sieht man ihm nicht an.
Ein Steg im Schatten des neuen Bahnhofs
Der Steg gehört zu einer größeren Veränderung, die Lindau in den Jahren vor der Gartenschau erlebte. Seit Dezember 2020 halten die Fernzüge nicht mehr auf der Insel, sondern im neuen Bahnhof Lindau-Reutin auf dem Festland. Der alte Inselbahnhof blieb als Kopfbahnhof für den Regionalverkehr erhalten. Diese sogenannte Zwei-Bahnhofs-Lösung machte auf der Hinteren Insel Bahnflächen frei, auf denen die Gartenschau 2021 und der heutige Bürgerpark entstanden; die Hintergründe beschreibt die Seite zur Stadtentwicklung der Hinteren Insel.
Auf der Reutiner Seite hatte dieselbe Entscheidung die umgekehrte Wirkung. Mit dem Fernbahnhof rückte ein Verkehrsknoten näher an das Schutzgebiet heran, und mit ihm die Aussicht auf neue Wohnungen und mehr Spaziergänger. Der Steg ist die Antwort der Stadt auf diesen Druck: ein Angebot, das die Menschen an eine Stelle bündelt, statt sie über das ganze Ufer zu verteilen.

Staunen: der Steg bei der Gartenschau 2021
Jedem Außenstandort ordnete die Gartenschau 2021 ein Gefühl zu. Für den Steg lautete es Staunen. Die damalige Beschreibung sprach vom Mikrokosmos am Ufer, von Schilf, Libellen und Wasservögeln, von Lichtspielen auf dem Wasser, und davon, dass kein Garten die Natur übertrifft. Wer das Uferleben erleben wolle, müsse sich leise bewegen und selbst Teil der Umgebung werden.
Das war mehr als Werbesprache. Auf dem Gartenschaugelände selbst ging es um Sommerblumen, Themengärten und Seezugänge an den Uferstufen, also um gestaltete Natur. Am Steg ging es um das Gegenteil: um Natur, die man am besten in Ruhe lässt und nur betrachtet. Die Gartenschau nutzte den Steg, um einen Gedanken zu zeigen, der auf dem Gelände der Hinteren Insel schwer zu vermitteln war: Auch der „Gartenstrand“ ist Lebensraum, und in den unberührten Uferbereichen hält sich ein empfindliches Gleichgewicht, für das Ruhe lebenswichtig ist.
Der BUND Naturschutz war 2021 auch auf dem Gartenschaugelände selbst vertreten, mit Wasserfall und Pavillon, über die die Meldung aus dem Gartenschau-Jahr berichtet. Die übrigen Außenstandorte von damals sind im Überblick über die Ausflugsziele rund um Lindau beschrieben, das Gelände auf der Insel auf der Seite zur Gartenschau Lindau 2021.
Ausflug zum Natursteg Lindau: Anfahrt und Verhalten
Der Steg liegt auf dem Festland an der Ladestraße, östlich der Insel. Der Fernbahnhof Lindau-Reutin ist nicht weit entfernt, und auf der Nordseite des Schutzgebiets verläuft der Bodenseepfad. Wer mit dem Auto kommt, findet Parkplätze und Preise auf der Seite Parken in Lindau.
Für den Besuch gelten wenige, aber klare Regeln, die sich aus dem Schutzzweck ergeben:
- auf dem Steg bleiben und nicht ins Schilf oder ans Ufer steigen,
- leise sein, besonders in der Brutzeit im Frühjahr und Frühsommer,
- nichts zurücklassen, weil es bewusst keine Mülleimer gibt,
- keine Feiern, die sind im Schutzgebiet verboten.
Ein Fernglas lohnt sich mehr als eine Kamera mit Weitwinkel, denn die Haubentaucher halten Abstand. Wer danach noch ein Ziel mit mehr Geschichte sucht, fährt weiter nach Aeschach zum Alten Friedhof, einem Campo Santo aus dem 16. Jahrhundert, oder auf die andere Seite der Insel zum Lindenhofpark. Und wer wiederkommt, sieht am Steg selten zweimal dasselbe, denn was sich in der Bucht zeigt, hängt von Jahreszeit, Wasserstand und Wetter ab.
Häufige Fragen
Was ist der Natursteg Lindau genau?
Gemeint ist der Naturbeobachtungssteg im Naturschutzgebiet Reutiner Bucht. Er steht an der Ladestraße auf einer kleinen Halbinsel, der sogenannten Galgeninsel, gegenüber den Bahnanlagen. Die Stadt Lindau ließ ihn als Teil der Gartenschau 2021 bauen, damit Besucher Tiere und See beobachten können, ohne Schilf und Ufer zu betreten. Im Programm hieß er auch Naturerlebnissteg.
Warum gibt es auf dem Steg keine Bänke?
Das ist Absicht. Laut der Tourismusseite der Stadt Lindau wurden Sitzbänke und Mülleimer bewusst weggelassen, damit sich niemand länger auf dem Steg aufhält. Er soll ein Beobachtungspunkt sein, kein Treffpunkt. Aus demselben Grund ist er so hoch gebaut, dass niemand leicht hinunterklettert, und Feiern ist im Schutzgebiet verboten.
Welche Tiere sieht man am Natursteg Lindau?
Die Reutiner Bucht ist Brut- und Rastgebiet für seltene Vogelarten. Die Wikipedia nennt eine Kolonie von bis zu 50 Brutpaaren Haubentaucher, die größte in Bayern, außerdem Höckerschwan, Reiherente, Tafelente und Teichrohrsänger. Im Sommer gehören Libellen dazu. Welche Arten man tatsächlich sieht, hängt stark von Jahreszeit, Tageszeit und Geduld ab.
Warum heißt die Halbinsel Galgeninsel?
Lindau besaß im Mittelalter die hohe Gerichtsbarkeit und richtete nach der Darstellung in der Wikipedia auf einer Insel in der Bucht eine Hinrichtungsstätte ein. Daher stammt der Name. Ob die Landzunge an der Ladestraße genau dieser Richtplatz war, ist nicht sicher belegt, im Sprachgebrauch heißt sie trotzdem so. Heute gehört sie zum Naturschutzgebiet.
Wie kommt man zum Natursteg an der Reutiner Bucht?
Der Steg liegt an der Ladestraße auf dem Festland östlich der Insel. Der Fernbahnhof Lindau-Reutin ist nicht weit entfernt; seine Eröffnung war einer der Gründe, warum die Stadt mit mehr Besuchern im Schutzgebiet rechnete und den Steg plante. Wer mit dem Auto kommt, findet die Parkplätze der Stadt auf der Seite zum Parken in Lindau.
Wann ist die beste Zeit für einen Besuch?
Für Vogelbeobachtung eignen sich ruhige Morgen- und Abendstunden. Im Frühjahr und Frühsommer brüten die Haubentaucher, im Herbst rasten Zugvögel in der Bucht. Die Stadt weist darauf hin, dass das Gebiet besonders empfindlich ist; wer den Steg besucht, bleibt deshalb leise und nimmt am besten ein Fernglas mit statt eines Picknicks.